Freihändig fahren mit Notfallschalter

Self driving vehicle

Der silberne Knopf neben der Gangschaltung ist so unscheinbar, dass man ihn fast übersehen könnte. Bedächtig drückt der Fahrer ihn, zweimal. In diesem Moment ertönt ein leiser Gong und die Magie beginnt: Das Lenkrad fängt an, sich wie von Geisterhand zu bewegen. Es schlägt von selbst ein, lässt den Wagen sachte in eine Straße einbiegen. Währenddessen zucken Gas- und Bremspedal selbstständig auf und ab. Theoretisch könnte sich der Fahrer jetzt zurücklehnen und ans Ziel kutschieren lassen. Doch seine Hände schweben weiter über dem Lenkrad, aus Sicherheitsgründen. Denn all das ist nur ein Versuch: Die Ford-Limousine gehört zu einer kleinen Testflotte von Selbstfahrern, die der Taxiservice Uber derzeit in Pittsburgh erprobt. Das Fahrzeug ist mit zahllosen Kameras, 360 Grad-Radar und Lasern vollgestopft und dreht seit August 2016 im Stadtverkehr seine Runden – bislang unfallfrei. Sollte es doch mal Probleme geben, haben die Ingenieure vorgebeugt: Neben dem silbernen Knopf für den Autopiloten prangt ein deutlich größerer, roter Notfallschalter. Mit ihm lässt sich der digitale Zauber jederzeit beenden.

Fahrspuren für autonome Fahrzeuge

Solche selbststeuernden Autos erobern bald weltweit die Straßen, darüber sind sich Experten einig. „In einigen Jahren werden die Städte eine erste Spur für autonome Fahrzeuge einrichten, dann eine zweite, und irgendwann bekommen die ‚Oldtimer’ eine eigene Spur, also die von Menschen gelenkten Pkw“, erwartet Jasmin Hüther, Automobilexpertin bei Capgemini. Ein ähnliches Szenario prognostiziert auch Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM), Bergisch Gladbach: „Selber Autofahren wird künftig – wie vor 100 Jahren – wieder Luxus, eine Spaßveranstaltung für das Wochenende.“ So einig sich die Experten beim Vormarsch der Robo-Autos sind, so unterschiedlich sind ihre zeitlichen Prognosen. Uber glaubt, dass seine autonomen Taxis in fünf Jahren einsatzbereit sind, BMW will die Serienproduktion von fahrerlosen Autos ebenfalls 2021 starten. Der konservative „Economist“ sieht dagegen keinen Durchbruch vor 2030. Wer hat Recht? Und wie werden die autonomen Autos unsere Mobilität verändern?

Jasmin Hüther, Automobilexpertin bei Capgemini

Jasmin Hüther, Capgemini

Darüber grübelt man nicht nur in Detroit, sondern auch – oder vielleicht gerade – in Wolfsburg und Stuttgart. Denn auffällig ist, dass es bisher vor allem US-Unternehmen sind, die beim autonomen Fahren vorpreschen: Tesla, Google, Uber. Wird die Autonation Deutschland auf dem Markt für Robo-Autos überhaupt noch eine Rolle spielen? „Nur, wenn sich die Hersteller von der Null-Fehler-Kultur verabschieden“, meint Capgemini-Expertin Hüther. Will sagen: Der Weg in die automobile Zukunft wird eine Rüttelstrecke. Konzepte dürften reihenweise scheitern, und auch Unfälle werden sich wohl nicht völlig verhindern lassen. Wer mit dem Anspruch antritt, immer alles perfekt zu machen, dürfte in dieser Welt schlechte Chancen haben. Deshalb müssten die Hersteller jetzt stärker mit jungen Start-ups kooperieren, fordert Hüther. Bei denen sei die nötige Experimentierkultur noch vorhanden. „Ein Unternehmen mit 30 Mitarbeitern kann eben schneller eine neue Richtung einschlagen als ein Koloss mit 50.000.“

Misstrauen in den Computerfahrer

Auch die Fahrer werden allerdings umdenken müssen. Bislang sind sie wenig begeistert von der Aussicht, ihr Schicksal in die Hand einer Maschine zu legen. 65 Prozent der sonst so technikaffinen Teenager sagen, dass sie dem autonomen Auto nicht vertrauen, ergab eine Umfrage von Kelly Blue Book, dem US-Pendant zu Schwacke. Woher kommt das Misstrauen? Expertin Hüther sieht einen grundsätzlichen Denkfehler als Ursache. „Man erwartet, dass eine Software 100 Prozent fehlerfrei fährt.“ Das sei nicht der Fall – aber auch nicht entscheidend. Wichtig sei, dass die Maschine in jedem Fall deutlich besser hinterm Steuer agiere als der Mensch. Diese Erkenntnis müsse erst einsacken, bevor sich fahrerlose Autos verbreiten, so Expertin Hüther.

Immerhin: Es bleibt noch Zeit. Denn die Roboter werden nicht von heute auf morgen auf den Straßen das Kommando übernehmen. „Der Güterverkehr macht wohl den Anfang“, erwartet Hüther. Diese Entwicklung deutet sich schon an: Am 25. Oktober rollte erstmals ein autonomer LKW mit einer Ladung Bier über einen Highway im US-Bundesstaat Colorado. Während der ganzen Fahrt über 120 Meilen saß der Fahrer in seiner Schlafkabine und nicht am Steuer. Eingesetzt wurde ein Volvo-Lastwagen, den das Start-up Otto zum Selbstfahrer aufgerüstet hatte. Die Fahrt verlief übrigens unfallfrei.

Platooning spart Kraftstoff

Stefan Bratzel, Center of Automotive Management

Stefan Bratzel, Center of Automotive Management

Dass sich gerade der Güterverkehr auf den Autopiloten stürzt, hat gute Gründe: Zum einen sind Lkw hauptsächlich auf der Autobahn unterwegs, und in dieser Umgebung kann ein Rechner besser den Überblick behalten als im quirligen City-Verkehr. Zum anderen verspricht die Automatisierung des Brummis sofort hohe Kosteneinsparungen. Fahren zum Beispiel mehrere Robo-Lkw im Windschatten hintereinander (Fachwort: Platooning), spart jedes Fahrzeug 15 Prozent Kraftstoff ein, hat der Zulieferkonzern Continental ausgerechnet. In der margenschwachen Welt der Speditionen wäre das ein gigantischer Wirtschaftlichkeitssprung.

Der echte Durchbruch käme allerdings erst mit der Automatisierung aller Fahrzeuge. Würde der Mensch endlich die Hände vom Lenkrad lassen, ergäben sich zahllose Vorteile: Da der Computer schneller reagiert, könnte man die Sicherheitsabstände zwischen den Autos verringern, was wiederum zu mehr Platz auf der Straße schafft – und Staus reduziert. Die Unfallzahlen könnten nahezu auf Null sinken, und Dank Millionen von Robo-Taxis würden viele Menschen an Mobilität gewinnen. Ältere oder Behinderte könnten sich zum Einkaufen fahren lassen – und Kleinkinder vielleicht sogar in die Krippe. „Wir können die Vorzüge des persönlichen Fahrzeugs mit denen des ÖPNV kombinieren“, so Hüther begeistert. So weit, so gut. Aber würden nicht zahllose Lkw- und Taxifahrer dadurch ihren Job verlieren? Expertin Hüther bestreitet nicht, dass das gerade in der Anfangsphase passieren kann. „Umso wichtiger ist es, dass wir uns auf diese Situationen als Gesellschaft bereits jetzt vorbereiten und entsprechende Pläne schmieden.“

 

Von Constantin Gillies

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