Navigation durch die Wolken

Cloud Siegel

Der Markt für Cloud Computing ist unübersichtlich. Das neue Portal Trusted Cloud will eine Schneise durch den Anbieterdschungel schlagen.

Ein Computerprogramm auf dem PC installieren? Das wird es bald nur noch in historischen Filmen geben. Denn immer mehr Menschen erledigen alles über das Internet: Mails abrufen, Texte schreiben, Termine eintragen – für fast alles gibt es mittlerweile eine einfache Anwendung, die im Browser läuft. Wozu noch ein Programm extra installieren? Allerdings hat dieser Trend seine Grenzen – und zwar die Bürotüren. 46 Prozent aller deutschen Unternehmen nutzen immer noch keine sogenannten Cloud-Dienste, das ergab eine Umfrage im Auftrag des Branchenverbandes Bitkom. Vor allem Sicherheitsbedenken treibt die Entscheider um. Rund zwei Drittel befürchten, dass Unbefugte auf Firmendaten zugreifen könnten, wenn sie im Netz, und nicht mehr im eigenen Rechenzentrum lagern. Zu diesem Grundproblem kennen IT-Profis einen flapsigen Spruch: „Es gibt keine Cloud. Es gibt nur der Computer von jemand anderem.“ Und dieser Jemand ist vielen Firmen eben suspekt. „Cloud Computing steht und fällt mit dem Vertrauen“, fasst René Büst, Analyst bei Crisp Research, Kassel, zusammen.

Damit mehr Unternehmen ihre Bedenken überwinden, wurde vor kurzem ein neues Portal und ein dazugehöriges Gütesiegel aus der Taufe gehoben: Trusted Cloud. „Es geht darum, dem Mittelstand eine objektive Übersicht über den Markt zu geben, ohne dass geschäftliche Interessen dahinterstehen“, erklärt Dr. Alexander Tettenborn, Referatsleiter beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, vom dem das Projekt initiiert wurde. „Trusted Cloud soll eine neutrale Instanz sein.“

Das Prinzip ist einfach: IT-Dienstleister, die ihren Cloud Service auf der Plattform listen lassen wollen, müssen beweisen, dass sie vertrauenswürdig sind. Es gilt, hohe Anforderungen an Sicherheit, Transparenz und Datenschutz zu erfüllen, außerdem müssen genaue Angaben zu Preismodell und Güte des Dienstes (Service Level) gemacht werden. „So können die Auftraggeber Angebote auch besser vergleichen“, erklärt Thomas Niessen, Geschäftsführer des Vereins Kompetenznetzwerk Trusted Cloud. Capgemini ist an dem Projekt ebenfalls beteiligt und war bei der konzeptionellen Entwicklung von Trusted Cloud federführend. Die ersten Reaktionen auf das Vertrauens-Siegel sind viel versprechend: Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben sich rund 40 IT-Dienstleister beworben, die ersten sechs wurden im Mai auf der Plattform gelistet. Wer die Prüfung schafft, kann mit dem Label Trusted Cloud, einer kleinen blau-grünen Wolke, auf seiner Homepage werben.

167 Kriterien für einen sicheren Cloud Service

Zugegeben: Das Siegel ist nicht das einzige seiner Art. Rund um Dienste aus der Wolke gibt es eine ganze Palette von Zertifikaten, von der ISO-Norm bis zum TÜV-Prüfsiegel. Doch sie alle haben einen Nachteil. „Kein Zertifikat deckt wirklich die Breite der Qualitätskriterien ab“, betont Horst Westerfeld, ehemals CIO des Landes Hessen und bei Capgemini mit dem Projekt betraut. Tatsächlich haben Siegel in der Computerwelt oft nur einen engen Fokus. Eines bescheinigt zum Beispiel, dass die Server im Rechenzentrum vor physischem Zugriff sicher sind, sagt aber nichts darüber aus, wie es der Anbieter mit dem Datenschutz hält – oder umgekehrt. Die Lücken soll Trusted Cloud schließen: Die Projektpartner haben 167 Kriterien formuliert, die ein Cloud Service erfüllen muss, wenn er als vertrauenswürdig ausgezeichnet werden will. Angebotene Software muss zum Beispiel gegen Cyberattacken gesichert werden, Datenzentren müssen einbruchssicher und Verträge transparent gestaltet sein. Manche Punkte kann der Anbieter mit schon vorhandenen Zertifikaten bekräftigen, bei anderen muss er ausführliche Selbstauskünfte erteilen.

Die Angaben der Anbieter werden zwar nicht vor Ort überprüft, doch der Verein untersucht – zusammen mit einem externen Auditor – alles intensiv auf Vollständigkeit und Plausibilität. Am Schluss entscheidet ein Beirat aus Anbietern, Anwendern und Wissenschaftlern, welcher Service das Siegel bekommt. Alle Beteiligten betonen, dass hier nicht einfach durchgewunken wird. „Wir haben auch schon einige Anträge abgelehnt“, so Westerfeld. Ein typischer Punkt, an dem es hapert: Viele deutsche Dienstleister bieten aus der Wolke tolle Software an, lassen sie aber auf Rechnern in den USA laufen, ohne das den Kunden zu sagen. Wer sich das Trusted Cloud-Siegel verdienen will, muss das transparent machen. Es wird erwartet, dass alle beteiligten Sublieferanten samt Standort genannt werden. Außerdem muss der Cloud-Anbieter klar kommunizieren, was passiert, wenn er Pleite geht und der Kunde seine Daten zurückhaben will. Gerade Angaben dazu sind nicht selbstverständlich. Doch das ändert sich schon – dank Trusted Cloud. „In einigen Fällen haben sich die Antragsteller überlegt, ihre Vertragskonditionen mittelstandsfreundlicher zu gestalten“, berichtet Westerfeld.

Wird sich das Siegel im Dschungel der Zertifikate behaupten können? Experten räumen dem Projekt durchaus Chancen ein. „Wenn die Regierung dahinter steht, ist das immer gut“, meint Branchenkenner Büst. Er wünscht sich von der öffentlichen Hand allerdings ein wenig mehr Unterstützung. „Die deutsche Regierung selbst könnte zum Beispiel damit werben, Kunde eines Trusted-Cloud-Anbieters zu werden.“ Er verweist auf die USA, wo sich öffentliche Institutionen wie die NASA öffentlich dazu bekennen, ihre Daten beim Branchengoliath Amazon Web Services (AWS) zu lagern. Trusted-Cloud-Geschäftsführer Niessen schließt nicht aus, dass auch öffentliche Institutionen in Zukunft das neue Siegel als Navigationshilfe beim Einkauf von IT-Leistungen nutzen. „Es gibt Gespräche, die in diese Richtung laufen.“

Von Constantin Gillies

 

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