Willkommen in der „C-Suite“

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Neben den Finanzvorständen können sich in Zukunft auch CIOs und Marketingchefs Hoffnungen auf den CEO-Sessel machen.

Er gehört zu den heißesten Stühlen hierzulande: der Chefsessel bei der Deutschen Telekom. Trotzdem geht Timotheus Höttges das Wagnis ein und nimmt dort Platz – Anfang 2014 tritt der Betriebswirt seinen Posten als Vorstandsvorsitzender beim rosa Riesen an. Sein Vorgänger René Obermann hat ihm viel Arbeit hinterlassen: Milliardenverluste in der Bilanz, gekürzte Dividende, verlustreiche Abenteuer in den USA. Doch Höttges schreckt das nicht, schließlich kennt er die Lage aus eigener Anschauung: Er bekleidet seit vier Jahren das Amt des Finanzvorstands, des Chief Financial Ofcer (CFO).

Mit der Wahl ihres neuen Chefs liegen die Bonner im Trend. Denn in immer mehr Unternehmen steigt der Finanzvorstand ganz nach oben auf. „Der CFO entwickelt sich zur Nummer zwei im Unternehmen“, bestätigt Hubertus Douglas, Geschäftsführer der Personalberatung Korn/Ferry in Deutschland. Der Headhunter hilft Industrieunternehmen dabei, Top-Positionen zu besetzen, und kennt die Anforderungen an den Job. „Der Finanzvorstand steckt tief in der Materie und sieht an seinen Kennzahlen, wo es hakt“, erklärt Douglas. Wegen dieses strategischen Überblicks würden immer mehr Firmen den Chefsessel mit einem Finanzmann besetzen, so der Experte. Über Aufstiege wie den von Höttges bei der Telekom ist in der Wirtschaftspresse darum immer häuger zu lesen: Beim Technologiekonzern Heraeus etwa ist mit Jan Rinnert seit Kurzem ebenfalls ein ehemaliger CFO am Ruder, genauso wie bei Metro oder dem Immobilienunternehmen IVG.

Der CFO entwickelt sich zur Nummer zwei im Unternehmen. Der Finanzvorstand steckt tief in der Materie und sieht an seinen Kennzahlen, wo es hakt.

Hubertus Douglas, Geschäftsführer der Personalberatung Korn/Ferry in Deutschland

Der CFO gehört ganz klar zu den Aufsteigern in der Vorstandsetage, im Amerikanischen auch „C-Suite“ genannt. Seine neue Position als Platzhirsch musste er sich allerdings hart erkämpfen: Noch in den Achtzigerjahren haftete dem Finanzvorstand das Image des Buchhalters an, des etwas drögen Zahlenfressers, der dem Management allenfalls zuarbeitete. Dann jedoch setzten zwei Entwicklungen ein, von denen das Ressort bis heute protiert: Zum einen begannen große Konzerne wie Daimler, sich Geld auf den internationalen Kapitalmärkten zu beschaffen. Gleichzeitig expandierte man weltweit, was das Geschäft schlichtweg komplizierter machte. Und vielerorts verbreitete sich schnell die Einsicht, dass ein Global Player nicht mehr per Zuruf, sondern nur noch über Kennzahlen, Kostenrahmen und Standards zu lenken ist – ziemlich genau die Domäne der Finanzpros. „Die neue Generation von CFOs steuert einen Großteil der Wertschöpfungskette, das macht sie so wichtig“, resümiert Personalberater Douglas.

Eine ähnlich steile Karriere wie der Finanzvorstand könnte in Zukunft der Chief Marketing Ofcer (CMO) hinlegen. Denn auch die Position des Marketingvorstands gewinnt weiter an Gewicht, wie ein prominentes Beispiel zeigt: Am 1. September wird Bernd Hertweck bei der Bausparkasse Wüstenrot den Posten des Vorstandsvorsitzenden übernehmen; zuvor war der 45-Jährige für das Marketing zuständig. In dieser Funktion hatte er zuletzt die veralteten Vertriebsstrukturen des Traditionskonzerns mit 23 Milliarden Euro Bilanzsumme modernisiert. Andere Firmen verstärken ebenfalls den Fokus auf das Marketing und schaffen ein passendes Vorstandsressort neu – bei Coca-Cola in Berlin gibt es erst seit 2009 einen CMO, und der Schwarzwälder Armaturenhersteller Hansgrohe besetzt den Posten im nächsten Jahr zum ersten Mal.

Die Bedeutung des CMO wächst. Das Marketing nimmt immer früher Einfluss auf die Produktentwicklung.

Prof. Martin Welge

Solche Fälle überraschen Prof. Martin Welge von der Universität Dortmund nicht. „Die Bedeutung des CMO wächst“, sagt der emeritierte Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmensführung. Er beobachtet: Ähnlich wie der Finanzvorstand ist auch der Marketingchef derzeit dabei, sich neu zu erfinden. Aus dem Werbeleiter, der nur unter die Leute bringen musste, was zuvor produziert wurde, wird zunehmend ein aktiver Gestalter des Geschäfts. „Das Marketing nimmt immer früher Einuss auf die Produktentwicklung“, begründet Experte Welge.

Hinzu kommt, dass sich die Vermarktungsprozess zunehmend zu gefragten Datenjongleuren mausern. Dank sozialer Medien wie Facebook, Twitter und Co. weiß ein Unternehmen heute nämlich so viel über seine Kunden wie noch nie. Diese Flut an Informationen – unter dem Schlagwort „Big Data“ bekannt – muss mit geballter Rechenpower gemanagt und ausgewertet werden: Das Marktforschungsunternehmen Gartner prognostiziert, dass die Marketingabteilung im Jahr 2017 mehr Geld für Informationstechnologie ausgeben wird als die IT-Abteilung selbst. Rund die Hälfte aller Big-Data-Projekte wird schon heute von der Marketingabteilung initiiert. Der CMO orchestriert das zunehmend digitale Business: Er muss Kundenwünsche erkennen, in Produkte umsetzen und mit den Käufern über Social Media in Kontakt bleiben – alles mit digitalen Werkzeugen.

Deshalb wird der Marketingvorstand im Aufzug nach oben auch begleitet – und zwar vom Chief Information Officer (CIO). Kaum eine Funktion hat in den letzten Jahren einen derart rasanten Aufstieg erlebt wie die des Technikchefs: Aus dem Leiter der Datenverarbeitung, der nur über die Anschaffung neuer Computer zu entscheiden hatte, wurde in den Neunzigerjahren zunächst der Prozessoptimierer. „Dann hieß es: Wir implementieren SAP‘“, berichtet Dr. Guido Kamann, Vice President bei Capgemini Consulting. Als Head CIO Advisory Services für die DACH-Region hat er den Wandel des Technikressorts hautnah miterlebt. Seit rund fünf Jahren beobachtet Kamann einen neuen Trend. „Vom CIO werden nicht nur inkrementelle Verbesserungen erwartet, sondern Impulse für Innovationen für das gesamte Geschäftsmodell.“

Kein Wunder – schließlich fällt fast jeder Trend, der die Unternehmen momentan erfasst, in die Kategorie „digital“: Cloud Computing zum Beispiel sorgt dafür, dass Angestellte von den Fesseln des stationären Arbeitens befreit werden, weil alle Dokumente jederzeit und überall über das Netz abgerufen werden können. Mit dem sogenannten Enterprise 2.0 ziehen soziale Plattformen in die Firmen ein, die wie Facebook funktionieren und das  E-Mail-Chaos beenden sollen, und Big Data stellt Geschäftsentscheidungen endlich auf eine solide Datenbasis. All diese geschäftskritischen Themen gehen über den Schreibtisch des IT-Chefs. „Seine Aufgaben werden strategischer“, fasst Hochschullehrer Welge zusammen. Wenn sich der Trend fortsetzt, dürfte für den obersten Techniker bald auch der Weg an die Spitze offenstehen, vor allem in Branchen, die ohnehin stark IT-getrieben sind, wie Finanzen, Versicherungen oder Telekommunikation. „Ich halte es für möglich, dass hier bald der erste CIO zum CEO berufen wird“, sagt Insider Kamann.

Vom CIO werden nicht nur inkrementelle Verbesserungen erwartet, sondern Impulse für Innovationen für das gesamte Geschäftsmodell.

Guido Kamann, Vice President bei Capgemini Consulting

Über Nacht werden diese Rollenwechsel allerdings nicht passieren, denn gerade an der Spitze von Großorganisationen laufen Entwicklungen langsam ab: Wenn heute ein Chefposten neu besetzt wird, kommt in 23 Prozent der Fälle immer noch der Chief Operating Ofcer (COO) zum Zug – also ein Praktiker, der in der Vergangenheit bewiesen hat, dass er das Geschäft erfolgreich am Laufen halten kann. Das ergab unlängst eine Studie des amerikanischen Technologieunternehmens CA Technologies. Dass ein CIO den Vorstandsvorsitzenden beerbt, ist dagegen nahezu unbekannt. In nur vier Prozent aller Fälle gelingt der Aufstieg quasi aus dem Rechenzentrum ins Zentrum der Macht.

Und natürlich kann es nicht nur Aufsteiger in der  Teppichetage geben. Während Finanzen, Marketing und IT vorpreschen, werden andere Ressorts an Bedeutung verlieren oder bestenfalls stagnieren. „Personal hinkt noch hinterher“, beobachtet Executive-Search-Berater Douglas. In der Vorstandshierarchie rangiert die HR-Funktion nach wie vor auf den unteren Plätzen. Dabei hätte die Arbeit der Human-Resources-Pros eine exponiertere Stellung verdient, schließlich nagen fehlende Fachkräfte und alternde Belegschaft schon am Wachstum. Dass der Personalvorstand dennoch oft nur die zweite Geige spielt, hat einen einfachen Grund: Ob ein Personalchef gute Leistung gebracht hat oder nicht, lässt sich oft kaum nachprüfen, weil einfach die Kennzahlen fehlen. Und wer keinen messbaren Erfolg bringt, fällt in der Hackordnung der C-Suite schnell zurück.

‹ CONSTANTIN GILLIES

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BERND HERTWECK
ist ein Trendsetter: Er wird als
bisheriger CMO im September
neuer Chef von Wüstenrot
TIMOTHEUS HÖTTGES
ist als CFO gut für seinen
neuen Job vorbereitet: Ab
2014 muss er die Telekom
wieder auf Kurs bringen.
DR. GUIDO KAMANN
von Capgemini Consulting
beobachtet seit Jahren,
dass der CIO immer wichtiger
wird.

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